Preisverleihung 2018

"Der Niebergall" geht an drei Journalisten aus der Region

 

Nachwuchs-Preis geht an Lisa Brockschmidt

Die Jury spricht einstimmig Lisa Brockschmidt den mit 2.000 Euro dotierten Nachwuchs-Preis „Der Niebergall“ des Presseclubs Darmstadt zu. Die Online-Journalismus-Studentin hat mit Shark City ein aktuelles Thema aufgegriffen und dazu für Antenne Bergstraße am 19. November 2017 eine Live-Radiosendung konzipiert und moderiert, die erstmals drei widerstreitende Parteien zu dem Thema an einen Tisch geholt hat. Das Gespräch über ein Thema, das die Menschen in und um Pfungstadt bewegt, war nicht nur mit dem Bürgermeister der Stadt, mit der Sprecherin der Bürgerinitiative und der Hessischen Tierschutzbeauftragten bestens besetzt, sondern auch gut strukturiert und moderiert. Dabei gelang der jungen Journalistin, wach auf Gesprächssituationen zu reagieren und nachzufassen, kurz: die hohe Kunst der Live-Moderation. All dies zusammen wertet die Jury als eine große komplexe Leistung.

Punkt. geht an Jan Schiefenhövel

Den Darmstädter Journalistenpreis erkennt die Jury einstimmig in der mit 2.000 Euro dotierten Kategorie Punkt. Jan Schiefenhövel für seinen Bericht „Die Ruhe in der Stimme steckt an“, die am 24. Juni 2017 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienen ist. Dieser kurze tagesaktuelle Bericht über eine Lesung aus der Bibel in einer Darmstädter Kirche schildert atmosphärisch dicht eine Aktion im Jubiläumsjahr der Reformation, in der rund 100 Stunden lang Ehrenamtliche ununterbrochen die Heilige Schrift vorgetragen haben. Dabei gelingt es dem Autor auf den Punkt, dem Anlass und dem Gegenstand angemessen, die Ruhe und die Kraft der Veranstaltung zu transportieren.

Zeit.Punkt. geht an Constantin Lummitsch

Den Darmstädter Journalistenpreis in der mit 2.000 Euro dotierten rechercheintensiven Kategorie Zeit.Punkt. erkennt die Jury einstimmig Constantin Lummitsch zu. Die Jury würdigt damit seine Reportage „Bilanz einer Todesnacht“, erschienen am 5. Juni 2018 im Darmstädter Echo, über Bernhard Kimmel, den Al Capone von der Pfalz und sein Opfer, den Bensheimer Polizisten Achim Benick. Dabei gelingt es dem Journalisten von der Idee zur Geschichte, über die Rechercheleistung bis hin zur sprachlichen Inszenierung zu begeistern und zu überzeugen. Gelungen und neu an der Geschichte ist die Verknüpfung von Opfer und Täter. Der Täter wird zur Konfrontation mit seiner Lebenslüge gezwungen, das Opfer, das den Lokalzeitungen damals nur eine Spalte wert war, bekommt Raum, seine Geschichte zu erzählen. Crossmedial ergänzt wird die Hintergrund-Reportage durch die Pageflow-Geschichte „Zweileben“, die die Zeitachse der beiden Personen und deren Orte und Geschichten lebendig werden lassen.

Die Jury sieht in Constantin Lummitsch einen engagierten, sprachlich und handwerklich versierten Journalisten.

Die Jury

Ralf Ansorge, Johannes Breckner, Eva Bredow-Cordier (Vorsitzende), Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer, Adrienne Schneider, Marc Wilhelm

"Der Niebergall" in der Presse

Thomas Wolff schreibt im Darmstädter Echo über die Preisverleihung am 29. Oktober in Darmstadt:

"Mit Autoren wie diesen an Bord muss dem Journalismus nicht bange sein auf der Fahrt durch stürmisches Gewässer. Für ihre starken Beiträge in Text und Ton sind drei Talente aus der Region am Montagabend in Darmstadt mit dem Nieber­gall-Preis ausgezeichnet worden. Mit dabei der VRM-Redakteur Constantin Lummitsch, der für seine Reportage über einen legendären Verbrecher und eines seiner Opfer geehrt wurde: „Packend erzählt, sprachlich souverän, in einem ganz eigenen Sound“, erklärte Laudator Frank Schmidt-Wyk von der Mainzer Allgemeinen Zeitung.

Wenn der Darmstädter Presseclub alle zwei Jahre seinen mit insgesamt 6000 Euro dotierten Preis vergibt, dann ist damit auch stets die Selbstvergewisserung des Berufsstandes verbunden. Lars Hennemann, Vorsitzender des Clubs und ECHO-Chefredakteur, betonte am Rednerpult im historischen Hauptgebäude der Technischen Universität die Bedeutung des Journalismus für den demokratischen Diskurs im Lande. Dieser funktioniere „trotz Störfeuern“. Er mahnte aber auch: „Wir bekommen diese Bedeutung nicht geschenkt“ – eine Aufforderung, auch unter schwierigen Marktbedingungen die relevanten Themen anzupacken, bis hin zur Digitalisierung vieler Lebensbereiche.

Oberbürgermeister Jochen Partsch hob in seinem Grußwort die Wichtigkeit von qualitätvollem Journalismus für die gesellschaftliche Debatte hervor. Dieser „gibt uns die Möglichkeit, uns jenseits von Filterblasen und virtuellen Realitäten zu informieren“. Er lobte den regionalen Fokus des Preises – ein Wettbewerb, „der genau hinschaut, wo sich die Menschen begegnen“. Aus 40 Einsendungen mussten die Juroren in diesem Jahr die besten Beiträge auswählen – eine Steigerung gegenüber den Vorjahren, die Hennemann als „schöne Bestätigung für die Wahrnehmung und Wertschätzung dieses Preises“ wertete. In drei Kategorien wird der Preis vergeben: ein Nachwuchspreis würdigt Beiträge von Journalisten unter 30 Jahren; die Kategorie „Punkt“ zeichnet tagesaktuelle Berichte aus; „Zeit.Punkt“-Geschichten sollten eine besondere Rechercheleistung aufweisen. In letzterer Kategorie erhielt der in Darmstadt lebende VRM-Redakteur Constantin Lummitsch die Auszeichnung.

Mehrere Monate hatte er sich hineingebissen in sein Thema. Er wollte einer Geschichte nachspüren, die sich im Dezember 1981 in Bensheim ereignet hatte. Damals kreuzten sich beim Überfall auf eine Sparkassen-Filiale die Wege des Verbrechers Bernhard Kimmel und des jungen Polizisten Achim Benick. Bei dem Schusswechsel wird Benick von Granatsplittern schwer verletzt, er bleibt querschnittsgelähmt am Leben. Kimmel wird gefasst, kommt nach neun Jahren Haft auf freien Fuß. Beide Männer aufzuspüren, ihre Lebenswege zu erzählen und ihre Sicht auf das tragische Ereignis von 1981: Das unternahm Autor Lummitsch mit Beharrlichkeit und Feingefühl. Er ist einer jener Reporter, sagte sein Laudator Schmidt-Wyk am Montagabend, „die für ihre Geschichten brennen und mit Leidenschaft dabei sind“. Geschichten wie diese brauche man, um die Leser im Blatt zu halten. Lummitsch gab den Dank knapp zurück an den erfahrenen Reporter Schmidt-Wyk: Die Jungen bräuchten die Alten, „die uns ihre Tricks erzählen“.

Ausgezeichnet auch der Bericht des FAZ-Autors Jan Schiefenhövel über eine 100 Stunden lange Bibel-Lesung in der Bessunger Kirche, stimmig und „atmosphärisch dicht“, so die Jury. Der Geehrte forderte die Kollegen im Saal auf: „Wir sollten es nicht den Sozialen Medien überlassen, immer das letzte Wort zu haben.“

Als Beispiel für „Nachwuchs mit Biss“ wurde die Online-Journalismus-Studentin Lisa Brockschmidt ausgezeichnet. Ihr einstündiges Radio-Feature für Antenne Bergstraße versammelte live drei der Streit-Parteien zum Thema „Shark City“ am Mikrofon, wobei die junge Medienfrau vom Fleck weg „die hohe Kunst der Live-Moderation“ vorführte."

Darmstädter Echo vom 31. Oktober 2018, Seite 11