Preisverleihung 2016

Wenn es kalt den Rücken runterläuft

Patrick Körber , Darmstädter Echo , 21.11.2016

JOURNALISTENPREIS „Der Niebergall“ 2016 geht an Daniel Baczyk, Marcella Märtel und Andel Müller

„Eigentlich gehört es sich nicht, so viel Aufhebens um die Arbeit von Journalisten zu machen“, meinte ECHO-Redakteur Daniel Baczyk in seiner Dankesrede. Doch genau das ließ sich nicht umgehen, denn das Mitglied der Darmstädter Lokalredaktion ist am Freitagabend mit dem mit 4000 Euro dotierten Hauptpreis des Journalistenpreises „Der Niebergall“ ausgezeichnet worden, den der Presseclub Darmstadt alle zwei Jahre vergibt.
In seiner Laudatio würdigte ECHO-Chefredakteur Lars Hennemann die zweiteilige Serie über den Darmstädter SS-General Karl Wolff, die 2015 erschienen ist, als „eine Feinzeichnung, bei der es einem kalt den Rücken runterläuft“. Baczyk habe mit dem Text einen Plan verfolgt, „er will mehr sein als nur ein Chronist“, wolle einordnen, erklären, „aber nicht mit dem Dampfhammer“.

Leben und Karriere von Himmlers Stabschef
Auf zwei Zeitungsseiten hat der 52-jährige Journalist das Leben und die Karriere von Himmlers Stabschef nachgezeichnet. Wolff ist trotz seiner Verantwortung an den Naziverbrechen in der Nachkriegszeit zunächst glimpflich davongekommen. Baczyk lässt in seiner „Komposition“ (Hennemann) den „Salonoffizier mit weißen Handschuhen“, der von nichts gewusst haben will, aus der Perspektive des Lesers tief fallen.

Auch Oberbürgermeister Jochen Partsch zollte in seinem Grußwort der Arbeit von Baczyk Respekt. Er sei ein Journalist, „der großen Einsatz zeigt, der versucht, seinen eigenen Ton und seine eigene Sprache zu finden“. Selbstironisch meinte Partsch, dass Baczyks Texte nicht immer zur Begeisterung der Lokalpolitik beitrügen. Ein verklausuliertes Lob.

Der zweite, mit 2000 Euro dotierte Preis ging an die Pfungstädterin Marcella Märtel (27) für eine Doppelseite zum Thema Sexting, die im Bergsträßer Anzeiger erschienen ist. Es sei ihr gelungen, das Phänomen des digitalen Mobbings auf die lokale Ebene runterzuzoomen, würdigte Karl-Heinz Schlitt, Chefredakteur des Bergsträßer Anzeigers, in seiner Laudatio den Beitrag. Die Geschichte, die auch die Perspektive eines 13-jährigen männlichen Opfers zeigt, sei eine Blaupause für guten Lokaljournalismus. Märtel arbeitet heute in der Kommunikationsabteilung eines Darmstädter Unternehmens.

Der Erste Weltkrieg und die Gegenwart
Ein mit 1000 Euro dotierter Sonderpreis ging an Andel Müller (66) für seine zehnseitige Serie zum Ersten Weltkrieg, die 2014 im ECHO erschienen ist. Der frühere Gymnasiallehrer arbeitet seit 30 Jahren als freier Mitarbeiter fürs ECHO.

Der Leiter der ECHO-Kulturredaktion Johannes Breckner lobte die Serie für ihren Bezug zur Gegenwart, die trotz der Schrecken einen „staunenswerten Optimismus“ verströme. Die Jury urteilte, die Serie sei „eine aus der bundesweiten Berichterstattung herausragende und wahrhaftig umfassende Serie“. Müller betonte in seinen Dankesworten die Wichtigkeit der Zeitung. Guter Journalismus müsse eine „Kläranlage“ sein, denn das Internet sei eine Kloake.

Den gleichen Tenor schlug Hans Georg Schnücker an, Präsident des Hessischen Zeitungsverlegerverbands und Sprecher der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Rhein Main, in der unter anderem das ECHO erscheint: „Gerade wir Medienschaffende müssen daran arbeiten, dass ein ‚postfaktisches‘ Zeitalter keinen flächendeckenden Einzug in unser gesellschaftliches Zusammenleben erhält.“ Der Verleger warnte vor dem Begriff „Lügenpresse“, weil die undifferenzierte Kritik einerseits schlichtweg Blödsinn sei. „Andererseits, weil es den Menschen, die heute mit dieser gefährlichen und historisch vorbelasteten Anklage fahrlässig um sich werfen, nicht nur darum geht, Presseorgane oder andere Medien mundtot zu machen. Sondern, weil der Begriff zu einer Art Generalschlüssel geworden
ist, um jede Diskussion zu beenden.“ Und Schnücker appellierte: „Wir müssen uns die Mühe machen, Menschen zu erreichen, die heute gar nicht mehr erreicht werden wollen.“

Preisverleihung
Preisverleihung (von links): ECHO-Chefredakteur Lars Hennemann, die „Niebergall“-Preisträger Daniel
Baczyk, Marcella Märtel, Andel Müller und der Vorsitzende des Hessischen Zeitungsverlegerverbandes
und Sprecher der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Rhein Main, Hans Georg Schnücker.Foto: André Hirtz

DIE JURY

Der Niebergall-Jury 2016 gehörten an: Als Vorsitzende Eva Bredow-Cordier (Kommunikationschefin Klinikum), Ralf Ansorge (Geschäftsführer der „Profilwerkstatt“), Peter Benz (Ex-OB und Vorsitzender der Kulturinitiative), Kurt Drawert (Schriftsteller), Klaus Staat (früherer ECHO-Lokalchef) und Peter Zitzmann (früherer FAZ-Redakteur und ehemals Vorsitzender des Presseclubs Darmstadt). (pak)