Preisträger 2010 - 2. Preis

Laudatio von Peter Zitzmann auf den 2. Preisträger Klaus Honold

Preisverleihung
Bild von Markus-Schmidt (mas)

Wenn ich das Kürzel "ono" oder den Autorennamen "Klaus Honold" im Lokalteil des "Darmstädter Echo" lese, dann lese ich auch immer den ganzen Artikel. Denn Klaus Honold ist einer meiner Favoriten unter den heimischen Kollegen. Das liegt einmal an seinen Themen, die sich gern und intensiv mit der Stadt als Erscheinung, als baulich gelungene oder verfehlte Entwicklung und als Alltagsumfeld befassen. Klaus Honold sucht dabei den übergreifenden, erklärenden Blickwinkel. Er betrachtet nicht nur ein neues oder erneuertes Gebäude in seiner Form und Funktion, sondern setzt es in Zusammenhang mit dem Umfeld und seiner Wirkung auf den alltäglichen Blick darauf. Und dazu fällt ihm viel ein, zuweilen mehr, als Bauherren und Architekten lieb ist.

Nie kommen seine Betrachtungen ohne den Menschen aus, denjenigen, der in der Stadt lebt und ihrer Erscheinung und ihren Bedingungen unterliegt. Und hier sticht ein wesentliches Merkmal der Artikel von Honold hervor: Sein Ansatz ist subjektiv, er will es auch sein und macht es deutlich. Den rein objektiven Journalismus, den Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer wieder einmal einfordern, gibt es ja nicht; nur wissen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft das nicht immer, zumindest geben sie vor, es nicht zu wissen. Journalismus ist bei aller Sorgfalt der Recherche, bei allem Bemühen um Faktentreue und sachbezogene Darstellung stets subjektiv, und sei es in der Gewichtung und der Wahrnehmung des Themas.

Bei Klaus Honolds Artikeln schimmern stets seine Sichtweise und seine persönlichen Erkenntnisse durch. Mehr noch, er bindet die Leser in seine Blickwinkel ein, er lässt sie durch Gewichtung, Hervorhebung und geschickte Formulierung teilhaben an seiner Darstellung. Er erzeugt so ein Wir zwischen Leser und Autor und macht seine Texte zur gemeinsamen Sache. Das ist für diejenigen, über die er schreibt, nicht immer zufriedenstellend, muss sich doch der Blick des Autors mit dem Selbstbild des Betroffenen nicht unbedingt decken. Doch das Subjektive in Honolds Artikeln gibt diesen Eigenständigkeit und Profil, man kann ihnen zustimmen oder sie ablehnen, sie sind auf jeden Fall interessant und spannend - und das ist es, was Leser mögen, ja brauchen, um eine Zeitung und einen Lokalteil als lohnende Lektüre zu erfahren.

Der Artikel, den der Presseclub heute mit dem zweiten Preis des Jounalistenpreises "Der Niebergall" auszeichnet, ist ein treffendes Beispiel dafür. " In der Nachbarschaft des Ober-Hoflakais" ist ein ganzseitiges Porträt einer Familie und ihres Wohnhauses, einer Straße und eines Quartiers und letztlich der Stadt und ihrer Entwicklung über 100 Jahre hinweg. Der Ansatzpunkt, der Aufhänger wie es unter Journalisten heißt, ist ein 100 Jahre altes Foto der Geschwister Faßbender, die zu dritt mit ihren Fahrrädern vor dem Elternhaus in der Elisabethenstraße 6 stehen. Honold spinnt das Bild und die Begebenheit aus, sinniert über die Situation und was aus ihr folgen könnte. Er zieht den Leser in das Bild hinein und lässt seiner eigenen und des Lesers Phantasie freien Lauf. Und dann wirft er einen Blick auf das örtliche Umfeld, auf die Nachbarn, unter denen sich bekannte und unbekannte Namen finden, auf die Geschäfte rundum, an die sich mancher ältere Darmstädter noch erinnern mag. Er geleitet Menschen, Häuser, Straße über die Jahrzehnte und zeichnet so 100 Jahre Stadtgeschichte im Persönlichen und im Allgemeinen nach. Honold hat bei seiner Recherche alte Adressbücher aus dem Redaktionsarchiv gewälzt, hat anhand von Anzeigen und Grußworten politische Entwicklungen pointiert und beispielsweise die Verblasenheit nationalsozialistischer Propaganda in solchen Grußworten aufgespießt als Symptom der geistigen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Er macht das distanziert und lakonisch und macht durch Erkenntnisgewinn, Sprachstil und heimatgeschichtliche Emotionalisierung die Lektüre für den Leser zum Genuss.

Gegen Ende des Artikels bricht sich dann sein eigenes bürgerschaftliches Anliegen Bahn: Honold wird, wie so oft, zum deutlichen Kritiker des Stadtbildes, diesmal rund um Elisabethenstraße und Ludwigsplatz: Das einstige Haus der Faßbenders, an dessen Stelle heute Kaufhaus und Ladenzeilen stehen, hat sich (Zitat:)
"zurückverwandelt in eine amorphe Höhlenlandschaft vulgärer Übergänge... in denen nicht mehr zu sagen ist, was Straße ist, was Hausflur..."
"Subversiv" nennt er diese städtebauliche Inszenierung. Da meint man eine verhaltene Wut über diese gesichtslose Stadtentwicklungen zu verspüren. In der Sache wird das nicht jeder teilen, aber es ist ein Ausrufezeichen, an dem man sich lustvoll abarbeiten kann - was will man mehr von einem lebhaften und lesenswerten Lokalteil? Und deshalb hat dieser Artikel nach Meinung der Jury den zweiten Preis verdient.