Preisträger 2010 - 1. Preis

Laudatio auf den 1. Preisträger von Peter Benz:
Eine Physiognomie Darmstädter Kultur
Verleihung des Journalistenpreises „Der Niebergall“ am 2. November 2010

Die „Echo“-Kulturredaktion mit Annette Krämer-Alig(links), Johannes Breckner (Mitte), Stefan Benz( 2. von rechts), Laudator Peter Benz (2. von links), Clubvorsitzender Peter Zitzmann (rechts) mit der Bronze „Der Niebergall“
Bild von Markus-Schmidt (mas)

Der Darmstädter Journalistenpreis „Der Niebergall“ wird 2010 dem Feuilleton-Team des Darmstädter Echo, Stefan Benz, Johannes Breckner, Annette Krämer-Alig und Klaus Trapp, zuerkannt. Die Jury empfand es als eine bestechende Idee, früheren „Hauptdarstellern der heimischen Kulturszene“ , wie es im Vorspann der bis jetzt elf teiligen Serie heißt, nachzuspüren und zu erkunden, wie sie sich nach Darmstadt entwickelt und wie sie vor allem ihre frühere Wirkungsstätte in Erinnerung haben. Im Sommer 2008 begann die Serie furios mit immerhin sechs Folgen, während in den beiden darauffolgenden Jahren die Fülle auf drei Folgen reduziert wurde. Gründe für diese Minimierung bleiben bis jetzt redaktionsintern. Spekulativ könnte eine gewisse Erschöpfung im Thema vermutet werden, was ich mir aber bei Journalisten nicht vorzustellen vermag, zumal es tatsächlich noch eine größere Zahl an gewesenen Darmstädter Kulturschaffenden gibt. Wir hoffen auf Fortsetzung dieser sachlichen, informativen und vor allem unprätentiös daherkommenden Porträts. Mit denen von Klaus Weise, Klaus Wolbert, Hans Drewanz, Günther Beelitz, Sybille Ebert-Schifferer, Matthias Kniesbeck, Jens Pesel, Heinz Kreidl, Hartmut Gerhold, Tim Trageser, Ansgar Haag und Peter Brenner ist dem Team der Versuch einer Physiognomie Darmstädter Kultur gelungen, wie wir sie in der Dichte insbesondere im ersten Jahr der Staffel noch nicht lesen konnten. Streckenweise nehmen sich die versammelten Erinnerungsschilderungen, die im Gespräch mit den Ehemaligen evoziert wurden, wie die späte Widerlegung des Diktums aus Gottfried Georg Gervinus´ „Geschichte der Deutschen Dichtung“ aus, dieser Stadt, gemeint ist Darmstadt, sei es eigen, ihr eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen, und fremde Talente ungeschickt zu wählen oder zu versäumen. Auch wenn die Theaterleute, wie es in einem Text heißt, einem Wandergewerbe angehören und jede neue Station auch neue Herausforderungen bedeutet, war die Wirkung in Darmstadt durchschlagend und das positive und fast anheimelnde Darmstadt-Bild, das sie teilweise in expressiven Farben malen, Ausweis für ihre künstlerischen Freiheiten und für ihre Publikums-Resonanz. Talente wurden über die Jahre gesichtet, geholt und gefördert.


Meine Laudatio will etwas der Serienüberschrift „Darmstadt und danach“ folgen, besser noch: ihre Bedeutung suchen. Als ich sie das erste Mal las, dachte ich bei mir nur:„War da noch etwas?“ Dann entfuhr mir trotzig:“Ach, was“. Schließlich beim längeren Nachdenken nur ein:“Ach – haben wir etwas versäumt?“ War es Alkmenes verwirrtes und doch zugleich klarsichtiges „Ach“ aus Kleists Amphitryon oder doch eher das aus Goethes Faust „Habe nun, ach! ...“ , mal resignativ, mal durchaus zornig zu begreifen, das mich bestimmte? Ich weiß nicht mehr, welcher Sorte berühmter „Achs“ diese Regung zuzuordnen war. Ich las die Texte, die einer Serie gemäß, nur häppchenweise die Leser erreichen, jetzt im Gesamten. Das Ach war voreilig, denn alle früheren Kulturschaffenden schildern ihre künstlerische Station Darmstadt als die herausragende Theaterstätte ihrer künstlerischen Liebe und Zuneigung. Klaus Weise, Schauspieldirektor und jetzt Genralintendant in Bonn:“ Die Darmstädter wußten, was sie wollten… Die Zuschauer saßen innerlich mit den Reclam-Heft auf dem Schoß da … Die haben ihr Theater geliebt…“ Von Günther Beelitz, dem Intendanten –Wanderer durch Deutschland, wird berichtet:“ …es herrschte ein Klima der Offenheit… Mit der Aktion Theaterfoyer entstand eine regelrechte kulturelle Bürgerbewegung… In Darmstadt hat er fast alles gelernt, was ihn an späteren Stationen begleitete…“ .So ähnlich sieht es auch Peter Brenner, der Intendant der achtziger Jahre.Matthias Kniesbeck, Schauspieler: „ Darmstadt war das beste Schauspielhaus , in dem ich gestanden habe…“ Jens Pesel, Oberspielleiter und jetzt Intendant in Krefeld/Mönchengladbach: “Wenn ich an Darmstadt denke, denke ich auch an das wunderbare Ensemble, das ja damals opulent war…“ Ansgar Haag, Spielleiter und heutiger Intendant in Meinigen: „ Da hab ich soviel gelernt, und später hab´ ich eigentlich nie etwas anderes gesagt als: Das muß man so machen wie in Darmstadt, dann hat man die richtige Mischung…“ Darmstadt wird im Verfolg der Serie von den Redakteuren immer mehr als locus amoenus herausgearbeitet, dem Ort, der für etliche Porträtierte in jedem Fall der Frühliing ihrer Laufbahn war, aber auch für einige sich zum fruchtbaren Sommer entwickelte. Diese Darmstadt-Sachen sind ein gelungenes Beispiel affirmativen Beschreibens künstlerischer Entwicklungen.


Und nun zum „und“ der Serienüberschrift. Diese Konjunktion hat in der jahrtausendalten Sprachgeschichte der Menschheit eine unbeschreibliche Karriere zurückgelegt. Allein in der Bibel ist es das meistgenutzte Verknüpfungswort, um den Fluß der Erzählungen sicherzustellen. Bei Hemingway wird es zum Stabilisierungskorsett des parataktischen Stils. In den heutigen Schwätzsendungen des Fernsehens wird es in endlosen Aneinanderreihungen mißbraucht, um die Mitdiskutanten nicht zu Wort kommen zu lassen. In unserem Fall hat es aber auch seine Wirkung nicht verfehlt. Dieses „und“ macht auf ganz bescheidene Weise klar, daß es ohne Darmstadt eben kein danach gegeben hätte. Das hat sich die Redaktion auch so gedacht, damit dem flüchtigen Leser allein mit der Wahrnehmung der Überschrift signalisiert wird: „ Lies weiter. Es lohnt sich. Nicht schon wieder Darmstadt. Auch wenn du das alles kennst, es kommt noch etwas!“ Dieses „Und“ ist die große Verknüpfung zum „ Danach“, gewissermaßen das stilistisch- rhetorische Sprungbrett. Nehmen wir das Porträt von Sybille Ebert-Schifferer. An ihr wird aufs Schönste exemplifiziert, was es bedeutet, über Jahrzehnte zu behaupten, Darmstadt sei das Sprungbrett für die große Karriere danach in der weiten Kulturwelt. Sie war Leiterin des Landesmuseums, wurde danach in Dresden Generaldirektorin der Staatlichen Museen und kam dann auf die Stelle einer Direktorin der Hertziana- Bibliothekin Rom, einem deutschen Max-Planck-Institut in Italien. In Darmstadt auf dem Brett gewippt oder sofort Anlauf genommen und den weiten Sprung gesetzt – damit wurde ein toller Lobgesang journalistisch angestimmt. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Fernseh-Regisseur Tim Trageser, dessen erste studentische Proben bei Filmfesten im Weiterstädter Tännchen gezeigt wurden und der heute in der ersten Reihe Fernseh-Filme dreht. Diese Konjunktion „und“ hätte aber durchaus auch durch das Synonym „ferner“ oder gar „fernerhin“ ersetzt werden können. Es hätte nur dem flüchtigen Leser zweierlei vermittelt: Der nach Darmstadt eingeschlagene Weg führte eher auf einen Seitenpfad künstlerischer Entfaltung - sehr schön dargestellt am Beispiel des früheren Darmstädter Schauspielchefs Heinz Kreidl, der heute Intendant am Sommertheater Jagsthausen ist. Und zum zweiten: dieses „ferner“ leitet zur Abrundung einer glanzvollen Darmstädter Karriere an einigen Häusern im europäischen Ausland über wie bei Hans Drewanz nach über dreißigjähriger überragender Darmstädter Dominanz.


Das „danach“ bereitet nach der Diskussion der beiden Überschriften-Glieder „Darmstadt“ sowie „und“ eigentlich keine Probleme mehr. Da sind Klaus Wolbert, langjähriger Leiter des Institus Mathildenhöhe und Hartmut Gerhold, ehemaliger Leiter der Akademie für Tonkunst, deren Porträts auf elegante Weise vermitteln, daß beiden ein gewisses Glücksgefühl nicht abzusprechen sei, nach Darmstadt noch etwas anderem nachgehen zu können. Aber dieses „danach“ hat es doch in sich, wie es auf unnachahmlich schnoddrig-freche Berliner Weise Kurt Tucholsky bedichtete:


Danach
Es wird nach einem happy end
Im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
Den Helden seinen Schnurrbart stippen-
Da hat sie nun den Schentelmen.
Na, und denn-?

Zum Schluß heißt es dann:

Die Ehe war zum jrößten Teile
Vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird bei happy end
Im Film jewöhnlich abjeblendt.


Auch für diese glühende Anfangsliebe, die nicht vergehen soll, wird ein schönes Beispiel mit Ansgar Haag gegeben, aus dessen Porträt noch einmal zitiert werden darf: „ (Er) wäre gern mal wieder zurückgekommen an das Haus, wo er das Theatermachen gelernt hat. ´Ich hatte immer gehofft, daß man mich mal nach Darmstadt holt ´“. Eigentlich wollte ich gar nicht weiter über das „danach“ reden. Jedenfalls nicht so ausführlich, aber diese Liebeserklärung machte es notwendig.


Der Schluß ist kurz, er besteht aus Dank und Lob. Dank für die journalistische Anstrengung, die uns Lesern das schöne Bild einer Physiognomie Darmstädter Kultur hervorgebracht hat. In einer Zeit der Event- und Leuchtturmkultur auf die beharrlichen Arbeiterinnen und Arbeiter im Weinberg der Kultur aufmerksam gemacht zu haben, verdient großes Lob.


Joseph Roth, der große Erzähler, der auch, kaum bekannt, Reportagen und Feuilletons schrieb, sagte einmal, ein Feuilleton könne bedeutender sein als ein ganzer Roman. In unserem Fall ist es uneingeschränkt so, denn ein Roman „Darmstadt und danach“ existiert bis dato nicht.