Festrede Flöper

Ohne guten Lokaljournalismus kein demokratisches Gemeinwesen –
Was ist uns der Journalismus noch wert?

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Partsch,
sehr geehrte Frau Staatsministerin Wagner,
sehr geehrte Frau Bundestagsabgeordnete Wagner,
sehr geehrter Landtagsabgeordneter Siebel,
lieber Peter Zitzmann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
Liebe Preisträger!


Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte. Anfang August sorgt eine junge Studentin aus Nordrhein-Westfalen für Furore. Sie ist 22 Jahre alt, den Bachelor mit 1er-Abschluss in der Tasche. Seit sechs Jahren arbeitet sie bei einer Tageszeitung, hat mehrere gute Praktika sowie Weiterbildungen bei renommierten Akademien gemacht. Gute Adressen also fürs Weiterkommen im Journalismus. Nun will sie ein Zeitungsvolontariat machen. Sie heißt Maximiliane Rüggeberg und schreibt dazu in ihrem Webblog:
 
 „Mein allererstes Vorstellungsgespräch hatte ich bei einer großen Tageszeitung. Dort wurde ich zunächst eine Stunde lang auf Herz und Nieren geprüft, was ich denn so könne, wo ich gearbeitet hätte und warum ich ausgerechnet hier mein Volo absolvieren wolle. Soweit alles legitim. Der Hammer kam erst zum Ende des Gesprächs. Da wurde ich nämlich gefragt, ob ich mir auch vorstellen könne, vor dem Volontariat in einer Lokalredaktion des Blattes zu hospitieren. So weit auch noch okay, doch als ich dann erfahren habe, wie genau sich der Chefredakteur das denn so vorstellt, wäre ich bald schreiend aus dem Büro gelaufen.“

Eine Empfindung, die ich teile, Ihnen allerdings jetzt und hier nicht zumuten möchte.
 
Bereits sechs Jahre arbeitet sie in einer Lokalredaktion. Trotzdem hätte sie volle zwölf Monate eine Hospitanz in einer Lokalredaktion der Zeitung ablegen müssen, um überhaupt eine Chance auf ein Volontariat zu haben. Eine Garantie gab es nämlich nicht! Sie hätte sich sogar in der Stadt, in der sie arbeiten sollte, eine Wohnung nehmen müssen, denn das war eine der Bedingungen. Und das ohne die Sicherheit, nach dem einen Jahr überhaupt einen Job zu haben. Und was meinen Sie, wie sah die Bezahlung aus?

Fürstlich: ganze 1.000 Euro brutto (!) hätte es dafür geben sollen. Sagen wir mal, davon wären ihr rund 700,00 Euro netto geblieben. Davon hätte sie Miete, Lebenshaltungskosten, ein Auto bezahlen müssen. Ja, so lernt man Sparsamkeit...als junger Mensch, werden sie denken. Eine echte Herausforderung sogar für Schotten, Schwaben (und Lipper).
 
Auf Facebook und Twitter verbreitete sich ihr Text (wie auch auf Spiegel-online nachzulesen ist) wie ein Lauffeuer. Ich weiß, dass es viele junge Menschen gibt, die hochqualifiziert und engagiert sind und mit einem Hungerlohn abgespeist werden. Doch „aus Angst am Ende gar nichts zu finden, nehmen sie die dreistesten Angebote an und schweigen sich über die Arbeitsbedingungen aus“. Das ist kein Einzelfall, wie Journalisten-Gewerkschaften unisono berichten. Manche Zeitungen beschäftigen sogar ihre Volontäre als Leiharbeiter.

Hat der Neoliberalismus bereits alle Tore und Türen geöffnet, ja Dämme gebrochen? Gibt es kein Halten mehr?
 
In der Branche geht es drunter und drüber: Die Hiobsmeldungen überschlagen sich: Die Abendzeitung Nürnberg ist eingestellt, der Blitztip Frankfurt erscheint nicht mehr, bei den vier Zeitungen der WAZ-Gruppe im Ruhrgebiet mussten vor drei Jahren 30 Millionen Euro an Sach- und Personalkosten eingespart werden, Hunderte von Schreibern verloren ihren Arbeitsplatz, die Agentur dapd hat Insolvenz angemeldet, die Westdeutsche Zeitung (Wuppertal/Düsseldorf, die seit 1887 erscheint) hat 40 Kündigungen ausgesprochen. Bei Springer in Hamburg und Berlin werden große Redaktionen bis ins Lokale zusammengelegt. Kleine Lokalredaktionen im Münsterland oder in Niedersachsen werden geschlossen, die Augsburger Allgemeine, die gerade erst zwei Regionalzeitungen (Würzburg und Konstanz) gekauft hat, wird auch in der Redaktionen sparen, das heißt schlicht Entlassungen vornehmen.
Die Frankfurter Rundschau krönt diese Negativliste mit einer Insolvenz!

Bei der Berliner Zeitung wird es weitergehen.
 
Und international nichts Anderes: Newsweek wird ab 2013 zum reinen Online-Angebot. Auch in Spanien und Frankreich sieht es in Zeitungsverlagen nicht besser aus.

Steht der Untergang einer ganzen Branche bevor?
 
Matthias Döpfner, Springer-Chef, hat vor kurzem ironisch vom „kollektiven Selbstmord“ gesprochen. Allerdings meinte er das Gerede um den Untergang der Zeitung.
 
Verzweiflung ist ein gelindes Wort, und die Sache ist auch klar, denn der Maya-Kalender kommt zum Ergebnis, dass die Welt am 21. Dezember dieses Jahres ihr Ende findet. Insofern ist es nicht so schlimm, wenn vorher auch noch die Zeitung stirbt.

Aber im Ernst: Tragen nicht gerade die viele Äußerungen, von Managern, auch von Verlegern, aber besonders von Medienkritikern, Gewerkschafts- und Verbandsfunktionären auf Podien und in Interviews zur unbegründet schlechten Stimmung bei? Was sollen Anzeigenkunden und Werbe-Agenturen denken, denen immer wieder mitgeteilt wird, mit uns, den Holzmedien, ist kein Staat mehr zu machen?
 
Blogger klatschen groß Beifall, verdienen in der Regel aber nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Aber sie sind oftmals mit Herzblut Journalisten..., da will ich nicht missverstanden werden.
 
Und wer geglaubt hat, die Medienwissenschaft würde uns reinen Wein einschenken und die Tatsachen sprechen lassen, ist enttäuscht. Umso mehr dürfen wir – vor allem in den überregionalen Medienseiten – Vergleiche mit Amerika lesen. Welch ein Unsinn. Die Eigentümerstruktur ist dort eine ganz andere. Was bezwecken diese angeblichen Medien-Experten damit? Leben wir in einer Parallelwelt?

Es ist natürlich auch Wasser auf die Mühlen derjenigen Geschäftsführer, die hier zu Lande noch vor kurzem satte Renditen einfuhren und jetzt voll in die Bremsen gehen.
 
Aber: Warum reden wir eigentlich nicht darüber, was sich absolut positiv beim Zeitungsmachen und dem Produkt in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat?

Oder auch über den Verkaufs-Preis eines Einzelexemplars: Ja, was zahlen wir dafür? Für einen Spott-Preis von 1,30 Euro bekommen wir eine regionale Zeitung - mit 32 Seiten. Und was kostet eine Tasse Kaffee?
 
Der Vergleich ist absurd, aber er stimmt: Ist uns der Journalismus wirklich so wenig wert?
 
Sicher, einige von Ihnen hier im Saal können sich noch an die Bleizeit erinnern mit Schwarz-Weiß-Fotos , grau in grau, und an ein Durcheinander, Ordnung sah anders aus.
 
Und heute? Modern, Super-Layout, tolle Fotos! Farbe. Und der Nutzwert - Zusatzinfos in Kästen oder ähnliches. Alle Jahre kommt ein Relaunch. Umfänge sind erhöht, die Tiefe der Artikel und auch die Online-Auftritte mausern sich.
 
Wir haben mittlerweile Medienhäuser (Zeitungen, Anzeigenblätter, Zeitschriften, Radio, TV, Internet), die auf allen Vertriebskanälen unterwegs sind, und das kann der Recherche, der Verknüpfung und „Ausbeutung“ (Synergien) der verschiedenen Informationsquellen nur gut tun.

Ich bin mir gar nicht sicher, was die Zukunft der gedruckten Zeitung betrifft. Aber darum geht es auch gar nicht. Auch wenn ich nach wie vor ein leidenschaftlicher Zeitungsleser bin.

Ich bin mir aber ganz sicher, guter Journalismus hat eine hervorragende Zukunft und der Lokaljournalismus hat eine noch bessere. Zeitung heißt nun mal im Deutschen nicht „newspaper“ - muss also nicht unbedingt etwas mit Papier zu tun haben. Vielleicht gibt es in einigen Jahren nur noch eine gedruckte örtliche Wochenzeitung: The best of. In der Schweiz existiert sie schon: die „Jungfrauzeitung“ des Verlegers Urs Gossweiler im Mikrokosmos Interlaken. Er sagt: “Unsere Zeitung erscheint siebenmal die Woche online und zweimal die Woche in physikalischer Form.“ Auch er meint, Papier verschwinde kurz oder lang. Oder schauen wir nach Basel, dort gibt es täglich eine Zeitung im Netz und einmal in der Woche eine Printausgabe, wie eine „lokale ZEIT“.

Ich denke: Blogger, Bürgerjournalismus oder der sogenannte „User-Generated-Content“ werden den Profijournalismus nicht ersetzen können. Außer, er lässt es selber zu ... durch Schlampigkeit (angefangen bei PR-Texten, die 1:1 in der Zeitung abgedruckt werden) oder durch prekäre Arbeitsverhältnisse, die keine Unabhängigkeit erlauben. Nein, ich glaube nicht daran, dass der Nutzer alles selber machen kann (und will), alles besser wissen kann. Das heißt aber auch nicht, das die vielen User nicht Hervorragendes leisten, sie mit ihrer Intelligenz den Journalismus bereichern. Sie sind eine tolle und erfrischende Ergänzung. Und sie schauen auch wunderbar den festangestellten Redakteur/innen auf die Finger, wenn sie doch unprofessionell und überheblich auf „die da unten“ hinabschauen.
 
Auch wenn es uns manche Leute einreden wollen: Die Demokratie muss nicht neu erfunden werden. Können Sie sich eine software-gesteuerte „flüssige Demokratie“ (Piraten) vorstellen?

Zeitungen und unser bisheriger Politikbetrieb haben etwas Gemeinsames, nämlich Bequemes (im positiven Sinn!), Praktisches und Beruhigendes: Die Auswahl der Bearbeitung von Informationen lege ich in die Hände von Experten und erspare mir damit kostbare Zeit. Ich verlasse mich auf die freie Presse, will sie nicht missen und ich setze auch auf die politischen Verfahren, die Konsens stiften, keine geheimen Algorithmen.

Am schlimmsten, so meine ich, ist es dann, wenn die Wissenschaftler ihr Kathederwissen verbreiten, was manche Dozenten in der Bleizeit vor 30 Jahren gesammelt haben. Leider ist ihr Praxiswissen – bis auf wenige Ausnahmen -- gleich Null. Allerdings findig sind sie schon: erst redet man die Qualität der Zeitungen runter, um den Verlagen anschließend Beratung zu verkaufen. Ein echt gutes Geschäftsmodell. Warum ist mir das eigentlich nicht eingefallen? Dann säße ich jetzt auf den Malediven bei angenehmen Temperaturen mit einem eisgekühlten MOCHITO..., aber ehrlich, in Darmstadt ist es auch schön.
 
Ich baue auf junge Wissenschaftlerinnen, die den Lokaljournalismus neu entdeckt haben und vermessen. Ich bin auf diese Frauenpower gespannt. Jüngste Publikationen lassen hoffen.
 
Wir müssen allerdings festhalten: Die tägliche Auflage der deutschen Tageszeitungen ist von 1991 bis 2011 um 30 Prozent gesunken. Wo sind sie hin – die Leser/innen?
 
Nun, drei Viertel der Deutschen surfen bereits im Netz.

Für die jungen Leute ist das Internet ein so selbstverständlicher Bestandteil ihres täglichen Lebens wie der Strom aus der Steckdose.

Haben Zeitungsmacher/innen diese Zielgruppe schon abgeschrieben? Und wo kommt die Rettung für die Printmedien her? So gesehen ordne ich mich gerne in die Reihe der Festredner der vergangenen Jahre hier im Presseclub ein.
 
Ja, das Lokale soll es richten. Früher das sogenannte Underdog-Ressort – wie ein Phönix aus der Asche - soll er sich jetzt neu erfinden und gleich den ganzen Journalismus retten. Welch eine Erleuchtung!
 
Wer sind diese Lokaljournalist/innen?
 
Auf jeden Fall sind sie ihren Leser/innen nah, bekannt aber allenfalls im Verbreitungsgebiet ihrer Zeitung. Zu Fernseh-Talkrunden werden sie eher nicht eingeladen. Ihre Chance, nationale Berühmtheit zu erlangen, tendiert gegen Null. Sie sind nach wie vor immer noch nicht so angesehen wie ihre Kolleg/innen aus den Ressorts Politik, Feuilleton oder Wirtschaft. Die großen Leitartikel schreiben sie selten oder nie. Aber sie gestalten das Ressort, das die Leser/innen ans Blatt bindet. Sie sind nah dran an ihren Auftraggebern (ich nenne uns Leser mal so) und sie wissen (oder sollten wissen), wo der Schuh drückt. Nicht BILD kämpft für mich. Sondern mein Heimatblatt!
 
Manchmal auch spöttisch wie liebevoll „Blättle“ genannt. Auch in Bonn, wo ich lebe, haben wir eine wunderbare Veränderung erlebt. Vom „Generalverschweiger“, wie der General-Anzeiger früher oftmals genannt wurde, ist der GA zum Aufklärer im besten Sinne mutiert. Die Redaktionsmannschaft räumt einen Journalistenpreis nach dem anderen ab. Das meine ich damit, wenn ich sage: Eine Zeitung erfindet sich aus dem Lokalen heraus neu.

Selbst der große Wolff-Preis (quasi der Pulitzerpreis unseres Landes) hat das Lokale mittlerweile entdeckt, vorsichtig , aber immerhin. Und Bundespräsident Joachim Gauck, eher den Menschen verbunden als von intellektueller Arroganz geprägt, war bei der diesjährigen Jubiläums-Preisverleihung ganz angetan. Er sagte: “Es ist unglaublich, welchen Einfluss die Zeitungen und Blätter haben, die für die Menschen in der Fläche geschrieben und produziert werden. Wir können gar nicht dankbar genug dafür sein, dass es diese vielen Regionalzeitungen in Deutschland gibt und die sich ja auch um Qualitätsjournalismus bemühen.

Wir wissen: in der Nachbarschaft, in der Kommune, im Stadtteil, in der Region sind die Lebenswelten, wo die Leute sich begegnen. Da sind sie urteilsfähiger, als wenn über das Große und Ganze geschrieben und sich geärgert wird. Sie ärgern sich dort sachorientiert, sie freuen sich dort informierter, denn sie erleben Politik hautnah mit und das lädt sie auch eher einmal ein, Politik mitzugestalten im Gemeinderat, in Vereinen oder Initiativen.“
 
Und Gauck lobt – und aus seinem Munde ist es noch glaubwürdiger – 
„Hier sind in vielen Fällen
 
 ... hochmotivierte, begeisterte und gute Journalistinnen und Journalisten am Werk.“

Wem sage ich das – gerade heute Abend – bei diesen Preisträgern.

Wenn jemand das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte – dann die Lokaljournalisten. Oder in Großbritannien gäbe es dafür den Ritterschlag. „Sir Lokaljournalist“ – ja, das hätte was...

Das sind starke Worte, die dem Selbstbewusstsein eines/r jeden Lokaljournalisten/in gut tun sollen. Das Lokale ist das Fundament der Regionalzeitung. Wie oft ist dieser Satz zu hören, und wie wenig folgen in vielen Verlagen diesem Bekenntnis Taten! Aber es gibt sie, die Aufbrüche: Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich auf unseren Modellseminaren Lokalredakteur/innen aus großen wie üppig besetzten Zwei-Mann-Redaktionen kennen lernen darf, die Hervorragendes leisten. Die nicht nach dem Prinzip leben, das haben wir immer so gemacht, sondern die ausgetretene Pfade verlassen und Neues wagen. Das ist in Bayern, am Bodensee, im Norden, in Brandenburg oder in Sachsen so.
 
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten - natürlich: Gerade im Lokalen könnte der Verlust an publizistischer Aufbereitung und Vielfalt zum Demokratieproblem werden. Es ist richtig, wenn man sagt, dem Menschen ist der Nahbereich, sein Kiez, ja seine Heimat wichtig, auch bei den Jüngeren, der Smartphone-Generation ist das so. Wo sie ihre Freizeit verbringt und arbeitet, ist wichtig. Das hat auch Google erkannt, natürlich. Und das hat nichts mit Provinzialismus zu tun. Heute sind sie hier in Darmstadt und morgen in London oder New York. Und durch die sozialen Medien sind sie (wir) eh weltweit verknüpft. Aber wenn in diesem Nahbereich kein Journalismus, der seinen Namen noch verdient, mehr stattfindet, auf welcher Basis sollen Bürger dann demokratische Entscheidungen treffen?
 
Unerwartete Hilfestellung bei diesem Bemühen kam von einer Seite, die gern Lokaljournalismus-Bashing betreibt: Thomas Leif, Ex-Vorsitzender des Netzwerks Recherche und Chefreporter beim öffentlich-rechtlichen SWR in Mainz. Er hob erst kürzlich die Bedeutung des Lokaljournalismus für die „vitale lokale Demokratie“ hervor. Er forderte sogar: “Lokalredaktionen müssen konsequent ausgebaut werden, damit sie ihren zentralen Auftrag der kommunalen Politikvermittlung erfüllen und die gefährliche Entfremdung zwischen lokalen Eliten und der Bürgerschaft reduzieren können.“

Gut gebrüllt Löwe und danke nach Mainz für die Unterstützung. Wie das alles finanziert werden soll, hat er nicht verraten. Der Staat? Bei den Journalisten-Gewerkschaften gibt es solche Diskussionen schon. Können oder wollen wir öffentlich- rechtlich geförderte Zeitungen?
 
Wenn es so weit ist, kann ich erst einmal nur empfehlen, gründen Sie, sehr geehrte Damen und Herren, eine Bürgerinitiative „S.O.S. Tageszeitungen“ – gewisse Erfahrungen haben Sie damit ja schon hier in Darmstadt gemacht... und ich liefere Ihnen das Konzept zur Bürgerzeitung, als Berater, kostenlos. Aber so weit ist es hier in Darmstadt noch lange nicht, bei dem vitalen Lokaljournalismus!

 
Wie sieht er also aus,  der Lokaljournalismus von morgen?
Was zählt in einer Gegenwart, in der jeder User Zugang zu allen Informationen hat?
Was macht guten Lokaljournalismus heute aus?
Qualität, Unabhängigkeit und Lesernähe?
 
Vorbei sind die Zeiten, in denen Zeitungsverleger ihren Abonnenten noch das Abo entziehen konnten. Wie früher über Leser/innen in den Redaktionen geredet wurde, will ich hier gar nicht wiederholen. Der Leitblogger Christian Jakubetz, der einmal pro Woche auf seinem Blog die Zeitungsindustrie kaputt schreibt, hat schon Recht mit seiner Einschätzung, dass gerade die Regionalzeitungen ihre Chancen in der globalisierten Nachrichtenwelt nicht wirklich nutzen, nämlich die Einzigartigkeit ihres Angebots.

Auf unseren diversen Diskussionsrunden stellten sich zehn Erfolgsfaktoren für eine Regionalzeitung heraus:
Die lokale Basis, Geschwindigkeit, Social Media, Planung und Organisation, Verknüpfung, Neue Formate, Leserbeteiligung, Mobilität. Glaubwürdigkeit und Haltung.
 
Damit es nicht zu sehr in einen Fachvortrag ausartet, hat mir Peter Zitzmann eh vorgegeben, das große Ganze zu sehen. Deshalb nur die letzten zwei Punkte: Glaubwürdigkeit und Haltung.
 
1. Glaubwürdigkeit: Keinem Medium wird weiterhin so sehr vertraut wie der regionalen Tageszeitung. Diese Qualität, der Markenkern, muss auch unter Zeitdruck geliefert werden. Und es geht gar nicht, dass im Online-Auftritt einer großen Stuttgarter Zeitung eine unredigierte Pressemitteilung der Bahn erscheint. Können Sie sich vorstellen, was die Leser/innen, die am Bauzaun von „Stuttgart21“ gestanden haben, denken? Wir haben erlebt, wie schnell die angesehene BBC ins Trudeln gerät, wenn journalistische Standards verletzt werden.
 
2. Haltung: Das alte Sowohl-als-auch, wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, zählt nicht mehr. Journalisten müssen sich bekennen, müssen Orientierung geben, Hintergründe aufarbeiten, darstellen und vor allem: Sie müssen Klartext schreiben und „klare Kante“ zeigen, wie mein sauerländischer Landsmann Franz Müntefering zu sagen pflegt. Nur so wird Relevanz erzeugt. Die Leser/innen merken, ob man für seinen Job "brennt".

Und sie merken, ob sie bei ihren Themen sind.
 
Es gibt kein Thema, das nicht vor Ort „runtergebrochen“ werden kann. Es gibt immer Bezüge zu Darmstadt... und Vieles verstehe ich als Leser/in dann auch besser. Diese Übersetzung ist aber harte Arbeit, sicher. Aber sie lohnt sich.
 
Gute Lokalredaktionen nehmen sich immer wieder großer Themen an.

Aber manchmal gibt es sogar die GANZ großen Themen, die auch durchaus lokal gespielt werden können. Als Beispiel nenne ich mal das Thema Zeitgeschichte.
 
Da muss man nicht unbedingt auf die Publikationen der BpB zurückgreifen. Kann man aber gerne| www.bpb.de.... ..:-).
 
Lokaljournalist/innen schreiben Geschichte auf ihre Art. Sie suchen Kontakt mit Zeitzeugen, machen anschaulich, wie Menschen Geschichte leben, erlitten, mitgestaltet haben. Zeitungen verbinden menschliche Schicksale mit historischen Fakten. Sie suchen Geschichten aus der Region, die stellvertretend für ein Stück deutscher Geschichte stehen.

Meine These “all business is local” will ich an einem, gemeinhin als spröde angesehenem Thema belegen: Das Jubiläum des Grundgesetzes.

Das lokal aufziehen? Doch eher schwierig, meinen Sie?
 
Ja, es ist möglich. Die Braunschweiger Zeitung hat es in 20 Reportagen umgesetzt:
 
Art. 1 – Menschenwürde
Eine junge Mutter und ihr Kind meistern den Alltag ohne den Vater, der im Gefängnis sitzt.
 
Art. 2 – freie Entfaltung der Persönlichkeit
Ein Tag in der Braunschweiger Wagenburg bei Menschen, die sich für eine alternative Lebensform entschieden haben.
 
Art. 3 – Gleichberechtigung von Mann und Frau
Eine Frau erzählt, wie sie in der Familie der Gewalt des Mannes ausgesetzt war.
 
und den wichtigen Art. 5 - „Pressefreiheit“ - muss ich noch nennen:
Zensur bei einer Schülerzeitung.

.... Reporter also erzählen, welche konkreten Auswirkungen die Grundrechte auf unser Leben haben. Sie zeigen, wo sie im Alltag für jeden zu spüren sind, wo sie uns schützen, welche Pflichten sie uns auferlegen.
 
Meinen Sie nicht, das ist politische Bildung pur?
 
Kein totes Schulbuchwissen, sondern aus dem Leben gegriffen. Vor solch einer journalistischen Leistung ziehe ich meinen Hut.
 
Lokaljournalisten können sich also um die Gesellschaft verdient machen, wenn sie die relevanten Themen setzen. Die oftmals nicht immer Mainstream sind.
 
Ich habe gerade auf die Geschichtsschreibung verwiesen, genauso wichtig sind die redaktionellen Entscheidungen im Hier und Jetzt: Entscheidungen, die in Brüssel oder Straßburg fallen, werden immer wichtiger für das Leben in den Städten und Gemeinden. Das Wissen um die Bedeutung Europas ist aber leider immer noch gering. Entsprechend gering war die Beteiligung an den Wahlen zum europäischen Parlament in den vergangenen Jahren.

Hier tut Aufklärung und Öffentlichkeit gut.

Und diese beiden kostbaren Güter unserer Demokratie managen Lokalredaktionen. Ihr Auftrag ist es, Öffentlichkeit herzustellen – an guten wie an schlechten Tagen. Sie sind nicht Erfüllungsgehilfen derer, die Macht ausüben – eine unabhängige Presse macht die Demokratie stark. Lokalredakteur/innen bilden die Welt ab, die uns umgibt, leuchten sie aus und können es sich nicht leisten, die Unebenheiten dieser lokalen Welt – ob beim Straßenstrich oder im Rathaus – zu übersehen.

Es beansprucht keinen großen Mut, den Banken, Obama, Putin oder den Entscheidungen der Bundeskanzlerin voller Leidenschaft die Leviten zu lesen. Der Lokaljournalist aber, der einem Stadtrat oder einem einflussreichen Lobbyisten Fehlverhalten nachweist, stellt sich einer großen Herausforderung. Er muss unangenehme Nachrichten überbringen – trotz Nachbarschaft, und obwohl der Sohn des Oberbürgermeisters die gleiche Klasse besucht wie sein eigener.
 
Enthüllungen brauchen Mut und sie machen Mut, sie haben Vorbildcharakter.
 
Diese Vorbilder dürfen wir heute Abend feiern.
 
Ihr Preis würdigt die Verdienste um den lokalen Qualitätsjournalismus. Meinen Dank und Glückwunsch an alle, die sich hier im Saal daran beteiligt haben.
 
Erinnern Sie sich noch an die Geschichte der von mir eingangs geschilderten Volontärin? Die hat sich in ihrem Blog Luft gemacht. Und zwar darüber, dass Sie keinen Ausbildungsplatz bekommt, um in ihrem Traumjob Journalismus zu arbeiten. Sie ist gebildet, sie hat in ihre Ausbildung investiert und viele Praktika vorzuweisen. Aber wie fast immer im Märchen und manchmal auch in der Wirklichkeit gab es zumindest für Maximiliane ein gutes Ende. Wenige Tage, nachdem ihr Blogbeitrag erschienen war, bekommt sie vom Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers in Bayreuth ein Angebot:

„Wir sind eine kleine, aber feine Tageszeitung und haben zum 1. Oktober eine unbesetzte Volontärsstelle“, heißt es da. Nach Tarif bezahlt! Der Chefredakteur heißt Joachim Braun. Er sagt: „Redaktionen zerfallen, wenn sie ausgebeutet werden.“ Er sagt noch etwas. Er habe das Glück, einen anständigen Verleger und Geschäftsführer hinter sich zu haben. Dabei ist auch in Bayreuth natürlich nicht alles perfekt. Ich habe mit ihm gesprochen, und er sagte mir, ihm imponiere ihre Gradlinigkeit.
 
 Wörtlich: „Ich fand es mutig, dass sie das so geschrieben hat. Ich habe mir gedacht, die ist ein Typ – und Typen brauchen wir. Ich leide darunter, dass wir so viele Bewerbungen von angepassten Leuten bekommen.“
 
Meine Damen und Herren, da frage ich mich, was ist uns heute noch die Ausbildung des journalistischen Nachwuchses wert? Alle reden von Innovation und Veränderungen in die besten Köpfe. Aber gleichzeitig will man nicht in die Jugend investieren? Die klugen und guten Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten rütteln an den Türen der Verlagshäuser. Wie lange noch?
 
Liebe Frau Schumacher und lieber Herr Hein,
Sie bekommen zu Recht heute den diesjährigen Darmstädter Journalistenpreis „Der Niebergall“ verliehen. Doch wie sind sie so gut geworden, dass wir sie heute feiern können? Ich nehme an, weil Ihnen der Job Spaß macht. Und ich nehme an, dass Sie während der Ausbildung einen Mentor gehabt haben, ein Vorbild – einen guten Lehrer sozusagen. Sie sind heute selber Vorbilder, geben Sie Ihr Wissen weiter an den Nachwuchs, auch Ihre Leidenschaft.

 Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen einige allgemeine - auch fachliche - Bemerkungen zur Situation der Zeitungslage in Deutschland zugemutet - nie war es so spannend wie heute - und versucht zu belegen, warum wir guten Lokaljournalismus brauchen und wie wichtig er für unser Gemeinwesen, für unsere Demokratie ist.
 
Auf jeden Fall wird guter Journalismus uns niemals langweilen – ich werde niemals Herrn Heins Einstiegszeile am 3.3. 2012 vergessen: "Demokratie hat ihren Preis. In Darmstadt lässt er sich sogar beziffern - auf 338.000 Euro."

Man muss auch wissen, wann genug geschrieben und gesagt ist. So wie jetzt.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.

 

Berthold L. Flöper

 

Anlässlich der Verleihung des Journalistenpreises „Der Niebergall“

am  23. 11. 2012 im Presseclub Darmstadt, 
 

Berthold L. Flöper
Foto: Markus Schmidt - www.mas-foto.de